Anti-Atom Demonstrationen

Energieversorgung und wissenschaftlicher Fortschritt

In den 1950er Jahren wurde die Nutzung der Kernenergie als notwendig und sinnvoll erachtet, nicht nur von den regierenden Parteien, sondern auch von einem Großteil der Bevölkerung. Der Einstieg in die Atomenergie sollte eine langfristige Versorgung mit Energie sichern und die wissenschaftliche Forschung zu diesem Thema vorantreiben. Doch schon bald kam Skepsis in der Bevölkerung auf, die sich zu bundesweiten Protesten entwickelte.

Anfänge und Hintergründe der Proteste

Atom-Müll - Nein Danke!Ab den 1960er Jahren vermehrten sich die Bedenken in der Bevölkerung gegen die Nutzung der Atomenergie. Ungeklärte Risiken für die Umwelt und gesundheitliche Bedenken waren Gründe für die zunehmende Kritik der Menschen an der Nutzung der Kernenergie. Aus Skepsis der unmittelbar Betroffenen, z. B. Anwohner von Bauprojekten wie Bauern oder Winzer, entwickelte sich eine kritische Betrachtung der Atomenergie in vielen Teilen der Bevölkerung. Verantwortlich hierfür waren zunehmend kritische Medienberichte sowie das repressive Vorgehen der Polizei gegen Demonstranten, das eine zunehmende Solidarisierung in der Gesellschaft hervorrief.

Ab den 1970er Jahren verschärften sich die Proteste, es kam zu Bauplatzbesetzungen (z. B. in Wyhl 1975), Massendemonstrationen (z. B. Brokdorf 1976 und Hannover 1979) sowie Kundgebungen und Gerichtsverfahren. Die Atomenergiekontroverse übte einen starken gesellschaftlichen Einfluss aus und führten zu einer Verschärfung der Sicherheitsstandards, zu längeren Genehmigungsverfahren und zu höheren Kosten bei der Genehmigung und beim Neubau von Atomkraftwerken.

Ein großes Netzwerk mit weit reichendem gesellschaftlichem Einfluss

Früher wie heute gab, und gibt es eine Vielzahl lokaler Netzwerke in Deutschland, die sich gegen die Nutzung von Kernenergie engagieren und auch mit Netzwerken aus dem Ausland verbunden sind. Nachstehend werden nur einige Ereignisse und Protestaktionen genannt, es besteht kein Anspruch auf Vollständigkeit. Umweltschutzorganisationen wie z. B. Greenpeace, Robin Wood oder der BUND gehören ebenso dazu wie die Zeitschriften Atomexpress oder Atommüllzeitung. Mit sogenannten Grünen Listen versuchten Atomkraftgegner in den 1970er Jahren, die Atomenergiekontroverse in den Wahlkampf zu verlagern und waren somit an der Gründung der Partei Die Grünen mitbeteiligt.

Bundesweite Unterstützung für das Wendland

Von großer Bedeutung ist die Anti-Atom-Bewegung im Wendland, die die Verhinderung der Castor-Transporte nach Gorleben sowie die Problematik der Zwischen- und Endlagerung des Atommülls thematisiert. In den späten 1970er Jahren kam es zu massiven Protesten der Bevölkerung, als der niedersächsische Ministerpräsident Albrecht beschloss, hier ein nukleares Endlager zu errichten. In den 1990er Jahren wurden radioaktive Brennelemente aus dem Kernkraftwerk La Hague, Frankreich, zur Zwischenlagerung nach Gorleben gebracht. Immer wieder kam es bei Protesten gegen die Transporte zu schweren Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten, einheimischen Bauern und der Polizei. Viele der Demonstranten reisten aus dem gesamten Bundesland in das Wendland, um sich an den Protesten zu beteiligen. 2004 gab es ein Todesopfer, als der Zug im französischen Avricourt einen 23-jährigen Demonstranten überrollte.

Erfolgreicher Protest einer konservativ geprägten Gemeinde

1985 wurde im konservativen Wackersdorf mit dem Bau einer Wiederaufarbeitungsanlage für abgebrannte Kernstäbe begonnen. Massive Bürgerproteste konnten diesen Bau jedoch stoppen. Die Anlage wurde bis heute nicht fertiggestellt.

Gewaltfrei protestieren dank digitaler Information

Protestierende MenschenAls Beispiel für ein modernes Aktionsnetzwerk lässt sich ausgestrahlt anführen, das mit einer aufklärenden Website Informationen bereitstellt und gewaltfreie Protestorganisationen organisiert.

Auch campact sollte nicht unerwähnt bleiben, eine internetbasierte Beteiligungsplattform, die Proteste in Form von Onlinepetitionen an politische Entscheidungsträger weiterleitet. Der Aktionsradius ist allerdings weitaus größer und behandelt viele andere Themen neben Kritik an der Atomenergie.

Aktuelle Ereignisse lassen das Engagement in der Bevölkerung schlagartig zunehmen

Die Reaktorkatastrophe in Tschernobyl von 1986 hatte zur Folge, dass sich extrem viele Menschen gegen die Nutzung von Kernenergie engagierten. Besonders Eltern waren alarmiert und fürchteten um die Gesundheit ihrer Kinder. Als Folge wurden viele Initiativen gegründet, so z. B. der Verein „Mütter gegen Atomkraft“, der damals in München gegründet wurde und bis heute aktiv ist.

Auch das Unglück in Fukushima mobilisierte Zehntausende. Nach der Atomkatastrophe im japanischen Fukushima kam es zu mehreren Massendemonstrationen in deutschen Großstädten. Die Veranstalter sprachen von den bisher größten Anti-Atom-Protesten in Deutschland.

Zusammenfassend kann man sagen, dass Anti-Atom-Bewegungen in Deutschland eine lange Tradition und große Wirksamkeit haben. Während das Interesse der Bürger im Alltag und normalen politischen Geschehen eher zweitrangig wird, flammt die gesellschaftliche Aktivität bei aktuellen Katastrophen immer wieder auf.